Frau Scharr-Repnak, welche Chance bietet ein gutes Schulessen?
Die Chance sehe ich darin, dass wir den Schülerinnen und Schülern mit einem guten Schulessen zeigen, wie eine ausgewogene Ernährung aussieht, damit sie diese auch später im Erwachsenenalter weiterführen können.
Als Coachin für Kita- und Schulverpflegung sind Sie in Schulen unterwegs. Wen können Sie dort erreichen und zu welchen Themen ist das Beratungsangebot möglich?
Beraten werden zum Beispiel Caterer, das Küchenpersonal oder die Mensaleitung. Eigentlich alle, die mit der Schulverpflegung zu tun haben. Ich berate hauptsächlich zur Umsetzung der DGE-Qualitätsstandards, zur Steigerung der Akzeptanz oder zu verschiedenen Verpflegungssystemen. Hygiene ist auch oft ein großes Thema: Wie sieht es mit der Hygiene überhaupt aus – ob im Speisesaal, in der Küche oder an der Ausgabetheke.
Oder zur Ablaufoptimierung: Wenn es zum Beispiel lange Wartezeiten gibt, bis die Schülerinnen und Schüler ihr Essen bekommen – diese aber nur eine halbe Stunde Pause haben. Das ist einfach zu kurz und man muss schauen: Wo hängt es im Ablauf?
Nachhaltigkeit ist aktuell ein großes Thema! Möglichst wenig Abfall zu produzieren. Oder wie ich die Esskultur stärken kann.
Welche Faktoren beeinflussen, ob Kinder und Jugendliche gerne in die Mensa gehen und dort essen?
Das Alter des Kindes: Jüngere Kinder gehen oft super gerne in die Mensa, essen, sitzen dort zusammen und gehen nach dem Essen wieder. Bei den Jugendlichen, den Älteren, ist das schon etwas anders, die sind wesentlich kritischer. Sie dürfen das Schulgelände verlassen und sind damit natürlich unabhängiger. Sie gehen zum Bäcker oder holen sich einen Döner. Diese Schülerinnen und Schüler in der Mensa zu halten, ist schwieriger. Die Jüngeren essen dagegen automatisch in der Mensa, gerade im Hinblick auf den Ganztagesunterricht.
Auch, wer sonst noch die Mensa besucht, beeinflusst, ob Schülerinnen und Schüler gern dort essen. Wenn ältere Schülerinnen und Schüler häufig in der Mensa essen, kann das die jüngeren beeinflussen. Es kann sie motivieren, die Mensa ebenfalls zu nutzen. So eine Vorbildfunktion haben auch die Lehrkräfte: Wenn Lehrkräfte die Nase rümpfen und sagen, dass das Essen in der Mensa nicht schmeckt – dann spricht sich das herum wie ein Lauffeuer. Auch die Schulleitung ist wichtig – wenn diese sich zum Beispiel einmal in der Woche in der Mensa sehen lässt und dort isst – auch das spricht sich herum. Dann kommen die Schülerinnen und Schüler eher in die Mensa.
Gibt es noch andere Einflussfaktoren?
Die Erwartungshaltung der Schülerinnen und Schüler: Was erwarte ich von meinem Essen, was möchte ich gerne haben? Da sind die Jüngeren einfacher gestrickt, Hauptsache es schmeckt gut. Das ist bei den Größeren nicht mehr so: Sie möchten ein gesundes Essen haben, sie möchten Auswahl haben, sich vielleicht selbst etwas aussuchen, zum Beispiel an einer Salatbar. Oder vielleicht eine kleinere Portion oder ihre Beilage selbst wählen.
Also möchten ältere Schülerinnen und Schüler mehr Flexibilität beim Mittagessen?
Viele (ältere) Schülerinnen und Schüler könnte man als „Snack-Jugend“ bezeichnen. Sie essen viel unterwegs, bleiben nicht sitzen. Ich kenne eine Schule, die hat das gut gelöst: Da gab es To-Go-Boxen, Mehrwegboxen, die die Schülerinnen und Schüler in der Mensa abholen und dann mit nach draußen nehmen konnten, eben dorthin, wo sie essen möchten. In diesen Boxen gab es verschiedene Sachen, zum Beispiel ein Pasta-Gericht, ein asiatisches Gericht, einen Vollkorn-Wrap mit Gemüse und selbstgemachter Soße, wahlweise mit Fleisch, Fisch oder eben vegetarisch. Die Schülerinnen und Schüler fanden das klasse, die haben die Box mitgenommen und draußen gegessen und dann wieder zurückgebracht. Das ist eine nette Sache. Da wurden, glaube ich, mehr Boxen verkauft als „normale“ Essen.
Auch der Essensraum spielt eine Rolle. Ein Beispiel, wie es nicht sein sollte: Ein riesiger Raum, es wird wahnsinnig laut, unbequeme Stühle, keine Abtrennungen, keine Bilder an der Wand und eine Art Massenabfertigung beim Essen. Das macht viel aus.
Wir essen alle gerne dort, wo es uns gefällt.
Man könnte für die älteren Schülerinnen und Schüler zum Beispiel einen Extrabereich gestalten. Ich erinnere mich an eine Schule, die die Mensa im Bistro-Stil gestaltet hat – dort hatten die älteren Schülerinnen und Schüler und auch die Lehrkräfte ihren separaten Bereich. Auch als Lehrkraft möchte ich vielleicht nicht immer noch in der Mittagspause unzählige Fragen von Schülerinnen und Schülern beantworten. Also so eine Abtrennung ist schön, nette Farben sind auch schön, da geht man dann super gerne in die Mensa. Die Atmosphäre in der Mensa ist entscheidend!
Es sollte nicht zu laut sein. Wenn die Stühle beim Verrücken auf dem Boden kratzen, macht das einen Riesenlärm. Solche Sachen sollte man schon organisatorisch ändern, dann wird es leiser und angenehmer zum Sitzen.
Ein weiterer Faktor, der aber eher die Eltern betrifft: der Essenspreis. Eltern achten schon sehr darauf, welche Qualität das Essen hat, wie es zusammengestellt ist und was ihre Kinder bekommen. Wenn der Preis utopisch hoch wäre – mal angenommen, ein Mittagessen würde sieben Euro kosten – dann schicken viele Eltern ihre Kinder gar nicht in die Mensa.
Wie kann die Schulgemeinschaft eingebunden werden, damit das Verpflegungsangebot angenommen wird?
Ich empfehle jeder Schule einen Runden Tisch. Da werden alle an einen Tisch gebracht: Elternvertreterinnen und -vertreter, die Schulleitung, die Sozialarbeiterinnen und -arbeiter und auch die Schülerinnen und Schüler beziehungsweise die Schülermitverantwortung (SMV) gehören dazu. All diese Personen setzen sich zum Beispiel einmal im Monat zusammen und überlegen: Was ist in diesem Monat gut/schlecht gelaufen? Was müssen wir ändern? Was haben wir schon geändert und ist dann besser gelaufen? Es ist ganz wichtig, dass man sich darüber einig wird und miteinander spricht. Insbesondere bei jüngeren Schülerinnen und Schülern sollten auch die Eltern mit ins Boot geholt werden.
Hilfreich sind auch Mensa-Regeln. Sie können zum Beispiel von der SMV erstellt werden – das muss nicht der Caterer machen. Oder Umfragen zur Mensa starten und auswerten.
In einer Schule gab es sogenannte Mensa-Scouts: Diese waren zum Beispiel dafür zuständig, dass in der Mensa nicht herumgerannt wird und es nicht zu laut wird.
In einer anderen Schule gab es ein Mensa-Mentoren-Programm: Immer eine Klasse war wochenweise zuständig für die Mensa. Die Klasse war dafür zuständig, dass die Tische abgeräumt werden, die Tabletts mit Tellern und Besteck sortiert werden und alles in die Küche zum Spülen gefahren wird. Auch war es ihre Aufgabe, die Tische abzuwischen und die Stühle aufzustellen, damit danach das Reinigungspersonal kommen kann. Das „Bonbon“ an der Sache: Diese Klasse durfte sich für die kommende Woche ein Essen aussuchen – auf einer großen Tafel in der Mensa stand dann zum Beispiel: „Heute gibt es das Essen der 8b“. Das ist klasse. Da wissen die Schülerinnen und Schüler, sie haben gearbeitet und der Erfolg ist, dass sie sich danach ein Essen wünschen dürfen. Und man denkt es oft gar nicht – aber da werden sich schöne Gerichte gewünscht, keine unmöglichen Sachen!
Und was kann ich als Speisenanbieter tun, damit das Essen besser angenommen wird?
Altersgerechtes Essen sollte angeboten werden. Zum Beispiel passen deftige Rindsrouladen nicht so toll in der Kita. Es sollten Gerichte sein, die Kinder auch wirklich gerne essen und mögen. Oder man organisiert mal Aktionstage oder Aktionswochen! Eine italienische, schwäbische, indische oder arabische Woche.
Portionsgrößen sollten die Schülerinnen und Schüler wählen können. Es hat nicht jede oder jeder gleich viel Hunger. Man kann die Schülerinnen und Schüler einfach fragen, was sie heute gerne möchten. Das kann das Ausgabepersonal tun, und einfach ein bisschen aufmerksam sein, anstatt direkt den Teller voll zu häufen. Wenn eine Schülerin beispielsweise mehr Brokkoli haben möchte und dafür weniger Fleisch, kann ich entsprechend reagieren und habe nachher weniger das Problem mit den Tellerresten. So kann ich Lebensmittelabfälle reduzieren!
Zum Stichwort Partizipation ein Beispiel: Die Küche hat zwei oder drei Gerichte, die einfach nicht gut laufen. Die Küche fragt aber nicht bei den Schülerinnen und Schülern nach, warum diese Gerichte nicht gern gegessen werden. Genau diese Nachfrage wäre aber gut!
Manchmal sind es schon Kleinigkeiten, die geändert werden können und dann passt es wieder.
Die Meinung der Schülerinnen und Schüler sollte man einbeziehen. Auch wichtig: Wenn ich sie zum Beispiel über einen Fragebogen befrage, muss ich das Ergebnis auch ernst nehmen und etwas ändern. Sonst braucht es keinen Fragebogen. Auch ein Kummerkasten in der Mensa nützt nichts, wenn die Briefe nicht rausgenommen werden. Die Schülerinnen und Schüler müssen merken: Ich werde ernst genommen, es wird sich etwas ändern.
LErn BW: Es ist also möglich, dass die Schülerinnen und Schüler selbst aktiv werden und sich in der Mensa bzw. an der Schulverpflegung beteiligen. Zum Beispiel, indem sie Feedback zum Mittagessen geben oder Wünsche zu Portionsgrößen äußern können.
Thema weiterführende Schule und ältere Schülerinnen und Schüler ab Klasse 8/9: Wie halte ich diese Zielgruppe in der Schulmensa zum Mittagessen?
Wir müssen uns darauf einstellen, dass wir mit dieser Zielgruppe anders umgehen müssen. Die vorhin erwähnte Idee einer Schule mit der „Snackbox“ finde ich zum Beispiel gut. Also dieser Gedanke: Ich hole mir in der Mensa etwas Gesundes zum Essen und kann das aber mit nach draußen nehmen und mit meinen Freunden essen.
Andere Möglichkeit: Der Speisenanbieter möchte ein neues Gericht einführen und bezieht die Schülerinnen und Schüler in die Entscheidung mit ein. In einem kleinen Gremium dürfen sie probieren und beurteilen: Was schmeckt gut? Was sollte geändert werden? Würde es sich lohnen, dieses Gericht in den Speiseplan aufzunehmen? Wir können die Schülerinnen und Schüler da durchaus mit einbeziehen.
Zwar etwas schwieriger, aber funktioniert auch gut: Eine Projektwoche, wo sie einmal mithelfen dürfen. Viele Schülerinnen und Schüler wissen gar nicht, was die Mensa für ein „Geschäft“ ist. Oder man organisiert mal einen Tag der offenen Tür – Wie sieht es denn hinter den Kulissen aus? Wer leistet was? Was gibt es für Geräte? Welche Hygienemaßnahmen müssen beachtet werden? Wo wird eingekauft? Wie viel wird eingekauft? Solche Sachen könnte man auch mal machen – mal „nach hinten“ schauen lassen.
Ist auch eine gemeinsame Zubereitung möglich?
Ja, beispielsweise gibt es in Gymnasien ein Praktikum im Rahmen der Beruflichen Orientierung (BOGY). Da suchen viele Schülerinnen und Schüler außerhalb nach Einrichtungen/Unternehmen und denken nicht an ihre eigene Schule. Wenn ich da auch nur drei Schülerinnen oder Schüler hätte und die kommen nachher aus der Schulküche und erzählen davon – bessere Werbung gibt es doch gar nicht.
Man könnte auch ein Eltern-Café organisieren: Dort können die Schülerinnen und Schüler ihren Eltern etwas anbieten und sind selbst zuständig, dass es funktioniert. So etwas geht ganz gut! Wir machen das an unserer Schule auch.
Solche Dinge verbinden das Schulleben mit der Mensa. Man sollte das nicht so separat sehen.
Durch so ein Einbeziehen können sich die Schülerinnen und Schüler auch mehr mit ihrer Schule und ihrer Mensa identifizieren?
Ja – und sie gehen dann auch gerne hin und kommunizieren das nach außen! Und dann wird es interessant: Manchmal ist dann der Essenspreis gar nicht mehr so ausschlaggebend, dann ist es nicht ganz so schlimm, wenn ich einen Euro mehr bezahlen muss. Wenn es ihnen Spaß macht und sie wissen, worum es geht, klappt die Akzeptanz viel besser. Es gibt viele Möglichkeiten. Man muss sie nur (für sich) finden. Wir sollten aufhören, die Mensa in eine „Mecker-Ecke“ zu stellen. Oft wird auf so hohem Niveau gemeckert, manchmal wissen die Schülerinnen und Schüler, die Lehrkräfte oder die Eltern überhaupt nicht mehr, warum sie meckern.
Eine abschließende Frage: Was ist aus Ihrer Sicht ein essentieller Faktor, um Schülerinnen und Schüler (wieder mehr) für ihre Mensa zu begeistern?
Drei Faktoren: Lebensmittelqualität, Lebensmittelauswahl und Atmosphäre. Wenn das zusammenpasst und Hand in Hand geht, haben wir keine Probleme.
Sabine Scharr-Repnak ist Hauswirtschaftsmeisterin, Fachlehrerin für Hauswirtschaft und Ernährung, freie Mitarbeiterin bei „Die Kreative Küche – Bad Cannstatt“ sowie Coachin für Kita- und Schulverpflegung.
Das Interview führte Regina Donner, LErn BW.
Weiterführende Informationen und Angebote
- Beratungsangebot für die Gemeinschaftsverpflegung des LErn BW
- LErn BW: Broschüre: Projekt: Unser Feedback für die Schulmensa
- Deutsche Gesellschaft für Ernährung e. V.: DGE-Qualitätsstandard für die Verpflegung in Schulen (PDF) (zuletzt abgerufen: 27.2.2026)
- Vernetzungsstellen Schulverpflegung: Akzeptanz von Schulverpflegung – eine interaktive Handreichung (zuletzt abgerufen: 27.2.2026)
- Vernetzungsstelle Schulverpflegung Niedersachsen: Schulverpflegung – Akzeptanz (zuletzt abgerufen: 27.2.2026)